Zum Jakobustag Juli 2026

Erinnerungen

Zusammen mit einem Begleiter bin ich vor nunmehr 20 Jahren von meiner letzten Kaplans- und Jugendseelsorgestelle in Wetzlar nach Santiago de Compostela aufgebrochen. Mein Pilgerheft von damals habe ich ein Jahr später, 10 Jahre später und jetzt 2026 noch dreimal weiter füllen dürfen. Jeden Morgen nach meiner täglichen Gebetszeit hilft es mir mit seinen Pilgerstempeln und Übernachtungseinträgen, mir diese unvergesslichen 84 Tage von Limburg nach Santiago und zurück vor Augen lebendig werden zu lassen. In diesem Jahr kommt es mir vor wie ein Déjàvu: Weltmeisterschaft, Papst Benedikt XVI. und sommerliche Hitze. Zwar ist Deutschland kein Weltmeister geworden und der neue Papst heißt Leo XIV. und kommt aus den USA, doch die von mir gefürchtete Hitze fühlt sich an wie damals.

Sicherlich verbinden viele Pilgerfreunde- und freundinnen ihre Pilgerwege mit ganz anderen Assoziationen und erinnern sich an die Zeit, wo sich Körper und Geist ‚erholten‘ und die eigene oder andere Kulturen genießen konnten. Ein Pilgerweg ist gedacht als Ferien für die Seele, um sie mit dem Atem Gottes gut durchzulüften. So habe ich es in einem Pilgerbegleiter gelesen. Für viele gilt ‚Der Weg ist das Ziel‘ als Leitparole auf dem Jakobsweg. Ich sehe es anders. Der Pilgerweg ist für mich immer ein Anfang von Verbindungen. Denn mit dem Mittelalter entstanden Brücken, Klöster, Hospize, Herbergen, Kirchen und Kathedralen. Somit ist der Weg eine Begegnung mit der Geschichte. 1000 Jahre sind gleichzeitig präsent. Wer die Augen öffnet, sieht die vielen mittelalterlichen, romanischen und gotischen Bauten und freut sich daran. Er sieht die Barockpaläste und Gärten, aber auch Kriegsrelikte aus den beiden Weltkriegen. Der Weg führt vorbei an UNESCO-Kulturgütern. Besonders am spanischen Teil des Weges sind sie durch einen riesigen kulturhistorischen Glücksfall fast komplett erhalten geblieben. Weder die Bilderstürmer der Reformation noch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg konnten hier großen Schaden anrichten. Auch dürfte hier seit dem Mittelalter über mehrere Jahrhunderte hinweg immer Geld für Sakralbauten vorhanden gewesen sein. Nur so ist zu erklären, dass so manche gotische Kathedrale komplett fertig gebaut werden konnte. Der Weg ist eine Begegnung mit fremden Menschen, Mitpilgern aus vielen Nationen und all den Freiwilligen, die den Weg und seine Herbergen betreuen. Der Weg ist aber auch eine Begegnung mit mir selbst. Weit weg vom Alltag führe ich ein anderes, bescheideneres Leben. Ich lerne, wie wenig ich zum Leben brauche und dass ich Ballast abwerfen darf. Überflüssiges wiegt schwer und ich muss es nicht tragen. Meine Gedanken werden frei und ich finde Zeit für Gebet, Meditation und kann Gott und mich besser kennenlernen.

Die Pilgerurkunde, die Compostela, hängt jetzt bei mir an der Wand, aber das Pilgern hört nicht auf – es ist zu einer Leidenschaft geworden. Denn der Weg der Begegnung mit Gott und den Menschen in Natur und Kultur lässt uns die Schöpfung immer wieder neu erleben.

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine – und ein Zustand der Seele“, mit diesem Zitat von Josef Hofmiller, einem deutschen Schriftsteller, bleibe ich auf den Jakobswegen in Europa unterwegs.


Ultreja! Und einen gesegneten Jakobustag 2026


Markus Schmidt, Pfarrer